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Presseerklärung der IPPNW Schweiz

Radioaktive Gesundheits- schäden verjähren nicht

Die Explosion des Reaktors im Kernkraftwerk Tschernobyl vom 26. April 1986 hat die Welt für immer verändert. Mit dem SuperGAU begann für Millionen Menschen eine neue Zeitrechnung. Der Wind schickte die todbringende radioaktive Wolke rund um die Welt. Seither fordert die grösste industrielle Katastrophe aller Zeiten Jahr für Jahr mehr Opfer in den verstrahlten Gebieten. In der Ukraine sind weit mehr als 2´500´000 Menschen als Tschernobylopfer anerkannt. In Weissrussland hat sich die Geburtenrate seit 1986 halbiert und die Todesrate nahm um 50% zu. Die weiträumige radioaktive Verstrahlung des Bodens führt über die Nahrungskette nach wie vor zu einer anhaltenden inneren Strahlenbelastung der Menschen, was insbesondere auch die Kinder krank werden lässt. Krebs, vor allem des Magendarmtraktes, der Harnwege, der Lunge, der Brust und der Schilddrüse nehmen massiv zu. Aber auch Herzkreislaufkrankheiten, Schädigungen der Stoffwechselorgane, des Nervensystems sowie der Immunabwehr und Missbildungen bei Neugeborenen häufen sich in beängstigendem Ausmass. Genetische Veränderungen bei Strahlenopfern lassen für kommende Generationen Schlimmes befürchten. Selbst bei uns in der scheinbar fernen Schweiz muss laut Bundesamt für Gesundheit von 200 Tschernobyl-bedingten Krebstoten ausgegangen werden.

Verheimlichung und Verfälschung durch Regierungsbehörden…
Während die Regierung der ehemaligen Sowjetunion den Menschen tagelang das Ausmass der Katastrophe zu verschleiern versuchte, arbeiteten Hunderttausende junge Männer fieberhaft daran, den brennenden Reaktor zu löschen und mit dem Sarkophag, einer Betonhülle, zu sichern. Diesen heldenhaften Einsatz bezahlten die meisten von ihnen mit ihrer Gesundheit oder gar mit ihrem Leben. Die Bevölkerung der weiträumig verseuchten Gebiete war ebenso schutz- und informationslos über Wochen und Monate der Strahlenbelastung ausgesetzt.

…und Zensur der wissenschaftliche Daten zu den Gesundheitsfolgen durch die IAEA sowie Bevormundung einer schwachen WHO
1986 äusserte Hans Blix, Direktor der Internationalen Atomenergiebehörde, Wien, „angesichts der Vorzüge der Atomenergie könne man sich ein Tschernobyl jedes Jahr leisten“. Bereits 1995 verhinderte die IAEA die Veröffentlichung der Forschungsergebnisse eines WHO-Kongresses über die Gesundheitsschäden nach Tschernobyl. Sie bevormundet die Weltgesundheitsorganisation kraft eines Vertrages von 1959. Dieser verpflichtet die WHO zur Zustimmung durch die IAEA bei Projekten, die sich Gesundheitsfolgen durch Radioaktivität widmen. Dieser Vertrag bedarf dringend einer Änderung, was auch PSR/IPPNW Schweiz seit Jahren fordern. Er schränkt die WHO in ihrer Handlungsfähigkeit ein. Nicht Strahlenexperten, sondern Trinkwasserspezialisten der WHO mussten sich mit den Radioaktivitätsfolgen befassen – statt Schäden am Erbgut wurde Zahnkaries studiert! Nicht verwunderlich ist auch, dass der WHO-Bericht vom September 2005 zu den Folgen nach Tschernobyl durch die an der Verbreitung der Atomenergie interessierte IAEA veröffentlicht wurde. Dementsprechend nannte er verfälschte und unglaubhaft niedrige Opferzahlen. Diese verharmlosende Vertuschungsstrategie, die die Opfer für ihr Unglück selbst verantwortlich macht und ein zweites Mal zu Opfern werden lässt, ist schärfstens zu verurteilen.

Von Tschernobyl lernen !
Die Katastrophe lehrt uns, dass ein unbeherrschbarer Unfall in einem Atomkraftwerk oder ein Terroranschlag auf ein solches jederzeit möglich ist. Die Folgen sind inakzeptabel. Radioaktive Gesundheitsschäden verjähren nicht. Eine Laufzeitverlängerung der AKWs auf 40 Jahre nimmt das Risiko von 1 zu 6 in kauf, dass es in Europa zu einem erneuten, nicht beherrschbaren nuklearen Unfall kommt. PSR/IPPNW Schweiz weisen zum 20. Jahrestag der Tschernobylkatastrophe nicht nur auf die Notwendigkeit weiterer Forschung und Aufarbeitung der Reaktorkatastrophe hin, sondern warnt eindringlich vor den Gefahren der Atomkraft. Wir appellieren an die Behörden und die Energiefachleute in der Schweiz, ihre Verantwortung für eine sichere, atomenergiefreie und zukunftsfähige Energiepolitik wahrzunehmen.

Claudia Bürgler, Geschäftsführerin Claudio Knüsli, Präsident


Literatur zur Presseerklärung vom 24.4.2006 der Ärztinnen und Ärzte für Soziale Verantwortung Schweiz zum 20.Jahrestag der Katastrophe von Tschernobyl


1. Tschernobyl, Auswirkung auf Umwelt, Gesundheit und Menschenrechte; Wien, 12.-15.4.1996 Permanentes Völkertribunal und Internat. Ärztekommission zu Tschernobyl, ISBN 3-00-001500-0 ; p. 171

2. WHO, Effect of Radiation on Human Heredity, Geneva 1957

3. Resolution WorldHealthAssembly 12.40; 28.5.1959

4. Health of Liquidators (Clean-up Workers), 20 Years after the Chernobyl Explosion; Bern, 12.11.2005 www.ippnw.ch/content/pdf/06_0233_PSR_Abstracts.pdf

5. Williams D.; Lessons from Chernobyl; BMJ 2001 Vol 323 p. 643

6. LE SACRIFICE, Film par E.Andreoli et W.Tchertkoff Production FELDAT Film 2003)
www.nwa-schweiz.ch/Tschernobyl-Filme.8.0.html

7. ATOMIC LIES, Film by W.Tchertkoff, Production FALO – TSI 2002 (Televisione Svizzera Italiana)
www.nwa-schweiz.ch/Tschernobyl-Filme.8.0.html

8. Nakajima H.; 20-23 November 1995, WHO Genf: Conférence Internationale sur les Conséquences de Tchernobyl et d‘autres Accidents Radiologiques sur la Santé

9. Risikotechnik Atomenergie (IPPNW)
www.facts-on-nuclear-energy.info/3_gamble.php

10.Risiko für einen SuperGAU in Europa bei 16 Prozent (IPPNW)
www.ippnw.de/index.php

11.Homepage PSR/IPPNW Schweiz
http:// www.ippnw.ch

 

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