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IPPNW-Presseinformation vom 24. April 2006

20 Jahre Tschernobyl

24.4.06 Die Tschernobyl-Katastrophe machte über Nacht Millionen Menschen zu Opfern. Riesige Territorien wurden unbewohnbar. Die radioaktive Wolke zog um die ganze Erde. Nun ist 20 Jahre nach dem Unglück ein Streit über die Opferzahlen entbrannt. Verschiedene neuere Studien - unter anderem von der IPPNW und der Gesellschaft für Strahlenschutz - kommen zu demselben Ergebnis: Genaue Zahlen gibt es nicht, gerechnet wird mit Zehntausenden Toten und Hunderttausenden Krebs- und anderen Erkrankungen.

Eine Studie jedoch fällt völlig aus den Dimensionen der Folgeabschätzungen: Diejenige der Internationalen Atomenergiebehörde (IAEO), die mit lediglich 56 bereits Gestorbenen und 4000 zu erwartenden Toten rechnet.

Die IPPNW zielt mit ihrer Studie weder auf den spektakulärsten Body-Count, noch will sie mit hohen Opferzahlen Panik machen. Ziel ist es vielmehr, die schwerwiegenden Folgen des GAUs für die Gesundheit der Menschen nicht nur in den unmittelbar angrenzenden Gebieten, sondern in ganz Europa ins öffentliche Bewusstsein zu bringen.

Man stelle sich vor, es käme heraus, dass ein bestimmtes Medikament zu mehr als 10.000 Fehlbildungen bei Säuglingen geführt hätte. Es würde selbstverständlich nicht nur das Medikament sofort vom Markt genommen, auch die Herstellerfirma würde unter schweren Druck geraten. Eine Diskussion über die Notwendigkeit des Wirkstoffes würde geführt.

10.000 Fehlbildungen bei Säuglingen sind die Zahl, die Tschernobyl europaweit verursacht hat. Hinzu kommen 5000 totgeborene Kinder und 100.000 bis 200.000 Tschernobyl-bedingte Abtreibungen (IAEO-Zahlen). Über eine Abschaffung der Atomkraft wird 20 Jahre danach allerdings kaum noch diskutiert.

Der ungesunde "Lebensstil" der Menschen in den betroffenen Gebieten in Weißrussland, der Ukraine und Russland habe in den letzten Jahren zu der erhöhten Sterblichkeit geführt, so die zynische Aussage der IAEO. Sie möchte die Folgen des Unglücks verharmlosen. Die Behörde verfolgt laut ihres Statuts das Ziel der Förderung der "friedlichen Nutzung der Atomenergie". Das Schönreden der Atomkraft versteht sie als ihre Aufgabe. Als Lobbyorganisation der Atomindustrie versucht sie so aktuelle Rechtfertigungen zu liefern, z.B. für Laufzeitverlängerungen von Atomkraftwerken in Deutschland.

Der 20. Jahrestag von Tschernobyl fällt zusammen mit dem aktuellen Konflikt um das iranische Atomprogramm. Die Welt fürchtet sich vor einem Regime, das möglicherweise unter Druck Atomwaffen nicht nur entwickelt sondern auch einsetzen könnte. Andererseits drohen die USA ihrerseits mit dem Einsatz von bunkerbrechenden Atomwaffen, die unzählige Opfer fordern, ganze Landstriche verwüsten und einen weltweit spürbaren radioaktiven Fallout verursachen würden.

Es ist richtig: Wer Atomkraft "friedlich" nutzt, wird immer die Option zur Herstellung von Atomwaffen haben. Auch in Deutschland wird in der Atomanlage Gronau Uran angereichert und bietet damit die Möglichkeit zur Nuklearwaffenentwicklung. Deutschland nutzt damit ein Recht, das dem Iran vorenthalten werden soll.

Die IPPNW fordert angesichts des 20. Jahrestages von Tschernobyl, angesichts der Veröffentlichung einer die Opferzahlen des Unglücks völlig verharmlosenden Studie der Internationalen Atomenergiebehörde, angesichts eines drohenden atomaren Wettrüstens im Nahen und Mittleren Osten, angesichts des angekündigten Einsatzes von Atomwaffen durch die USA,
· die Einrichtung einer Atomwaffenfreien Zone im Nahen und Mittleren Osten,
· die Erfüllung der Vertragsverpflichtungen des Nichtverbreitungsvertrages durch alle Vertragsstaaten, d.h. keine Weitergabe und die Abschaffung aller Atomwaffen weltweit,
· den sofortigen Ausstieg aus der Atomenergie in Deutschland und weltweit.


Kontakt: Jörg Welke
Tel.: 030 - 69 80 74 14
mobil: 0177-480 63 90

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