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IPPNW-Pressemitteilung vom 3.3.2015

Tausende zusätzliche Krebserkrankungen zu befürchten

PPNW-Pressekonferenz zum 4. Jahrestag der Atomkatastrophe von Fukushima

Ayotos Mutter sammelt alle Unterlagen über Untersuchungen und Strahlenbelastung ihres Sohnes, Foto Ian Thomas Asch

03.03.2015 Vier Jahre nach der Atomkatastrophe von Fukushima beginnen sich die gesundheitlichen Folgen für die japanische Bevölkerung abzuzeichnen. Aus den Zahlen des Wissenschaftlichen Ausschusses der Vereinten Nationen zur Untersuchung der Auswirkungen der atomaren Strahlung (UNSCEAR) geht hervor, dass in Japan aufgrund der radioaktiven Verseuchung bis zu 16.000 zusätzliche Krebserkrankungen und bis zu 9.000 zusätzliche Krebstodesfälle zu erwarten sind. Die Ärzteorganisation IPPNW geht davon aus, dass die tatsächlichen Zahlen weitaus höher liegen dürften, da die im UNSCEAR-Bericht aufgeführten Emissionswerte ausschließlich auf Angaben der japanischen Atomenergiebehörde beruhen und deutlich höhere Angaben unabhängiger Institute unberücksichtigt lassen.

Zudem gibt es ernsthafte Bedenken bezüglich der Berechnung der internen Strahlendosen und keine verlässlichen Dosisberechnungen für die Arbeiter im AKW Fukushima.

Einen kleinen Teil der zu erwartenden Krebserkrankungen stellen Schilddrüsenkrebsfälle dar. Im Rahmen der ersten Runde von Schilddrüsenuntersuchungen wurde bei insgesamt 109 Kindern in Biopsien Schilddrüsenkrebs festgestellt. 87 dieser Kinder wurden mittlerweile operiert. Diese unerwartet hohe Fallzahl wurde von der Studienleitung bislang auf den "Screeningeffekt" geschoben, also die Beobachtung, dass durch Reihenuntersuchungen Krankheitsfälle gefunden werden, die klinisch erst zu einem späteren Zeitpunkt aufgefallen wären. Seit Dezember 2014 liegen allerdings die ersten Zahlen der Nachuntersuchungen vor. Bei 57,8 Prozent der Kinder wurden Knoten oder Zysten gefunden. Im Erst-Screening lag diese Rate noch bei 48,5 Prozent. Das bedeutet, dass bei mehr als 12.000 Kindern, bei denen im ersten Screening noch keine Anomalien gefunden wurden, nun Zysten oder Knoten festgestellt wurden. Elf Kinder wurden bereits per Feinnadelbiopsie untersucht, bei acht von ihnen ergab die Diagnostik einen akuten Krebsverdacht. Diese Krebsfälle, die sich im Laufe der letzten beiden Jahren entwickelt haben müssen, lassen sich nicht mehr mit dem Screeningeffekt erklären.

Die Screenings sind auf die Präfektur Fukushima beschränkt. Im übrigen Japan und selbst in den hochbelasteten Nachbarpräfekturen von Fukushima werden keine vergleichbaren Reihenuntersuchungen durchgeführt, obwohl es auch in anderen Präfekturen in der Summe zu zahlreichen Schilddrüsenkrebserkrankungen kommen dürfte. "Die Ergebnisse der zweiten Screening-Runde sind beunruhigend. Zwar ist es noch zu früh, die langfristigen gesundheitlichen Folgen der Atomkatastrophe abschätzen zu können, da bislang nur ein Bruchteil der Ergebnisse der Nachuntersuchungen vorliegt, doch basierend auf den Erfahrungen aus Tschernobyl rechnen wir mit einer weiter steigenden Zahl der Schilddrüsenkrebserkrankungen über die kommenden Jahre", erklärt der stellvertretende IPPNW-Vorsitzende Dr. Alex Rosen. Schilddrüsenkrebs stelle dabei nur einen kleinen Teil der gesundheitlichen Folgen der radioaktiven Kontamination für die Bevölkerung dar. Die IPPNW erwartet aufgrund früherer Erfahrungen mit Atomunglücken zudem erhöhte Raten an Leukämien, Lymphomen, soliden Tumoren, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, hormonellen, neurologischen und psychiatrischen Störungen. Hinzu kommen erhebliche psychosoziale Auswirkungen aufgrund der Traumatisierung und dem Gefühl, von den Behörden getäuscht und allein gelassen zu werden.

Weitere Informationen:


Kontakt: Angelika Wilmen, Pressesprecherin, Tel. 030-69 80 74-15, Internationale Ärzte für die Verhütung des Atomkrieges (IPPNW), Körtestr. 10, 10967 Berlin, wilmen@ippnw.de, www.ippnw.de, www.fukushima-disaster.de

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